Es lebe der Unterschied
Wie oft werden wir mit Situationen konfrontiert, in denen Gleiches für alle gefordert wird.
Gleiches Recht für alle!
Gleiche Bedingungen für alle!
Gleiche Bezahlung für alle!
Diese oft von scheinbar tiefstem Herzen stammenden Forderungen haben bei Lichte betrachtet äußerst destruktiven Charakter.
Was ist es, was Wasser fließen läßt? Ist es nicht ein Gefälle, de facto ein (Höhen-)Unterschied? Jeder Elektrotechniker weiß, dass Strom nur durch ein Potentialgefälle fließen kann. Jedem ist klar, dass Wärmefluß nur durch Temperaturunterschiede zustande kommt. Wie steht’s mit Wind? Was ist mit Schlußfolgerungen, die nur durch verschiedene, unterschiedliche Meinungen zustande kommen?
Ein stehendes Gewässer kippt irgendwann, wird zum Tümpel und stirbt. Nur ein Zu- und Abfluß, verursacht durch das bereits erwähnte Höhengefälle verursacht Leben. Lehrende Erfahrungen existieren nur durch die Tatsache, dass Vorher und Nachher unterschiedlich sind. Was hätten wir sonst lernen sollen?
Und überhaupt, Lernen als Solches impliziert ja bereits einen Unterschied zwischen Vorher und Nachher.
Schon Lessing erkannte 1779 in seinem weltbekanntem Werk “Nathan der Weise” in der Quintessenz des Werkes, der Ringparabel, die Relevanz der Toleranz. Er wurde in die schwierige Situation gebracht, entweder den Gastgeber (ein Muslime) zu beleidigen, oder aber seine eigene Religion zu verleugnen als er mit der Frage nach der besten Religion konfrontiert wurde. Seine Schlußfolgerung, dass die Religion die Beste sei, die alle anderen in dem gleichen Maße akzeptiert wie sich selbst, zeugt nicht nur in höchstem Maße von Diplomatie, sondern zeigt auch auf, dass die Anerkennung der existierenden Unterschiede die meiste Weitsicht beweist.
Oder wie steht’s mit Albert Eintein? Er formulierte die Relativitätstheorie, die besagt, dass alles relativ ist. Und dies gilt bei längerem Nachdenken nicht nur für die Physik, sondern in gleichem Maße auch für psychische Welten. Jede Meinung beruht auf einem Standpunkt und einem Blickwinkel.
So ist, da alles relativ ist, das einzige was uns bei vollkommener Gleichheit aller Dinge bleibt, das Nichts.
Auf Gleichheit pochende Gruppierungen, seien es die PDS, die NPD, oder extremere Gruppen, wie zum Beispiel fanatische Muslime oder ebenso fanatische, ausgeprägt patriotische Amerikaner, legen damit lediglich ihren beschränkten Horizont und ihre Kurzsichtichkeit offen, obwohl sie im gesamt-weltlichen Kräftesystem durchaus eine balancierende Wirkung haben, solange sie nicht zu sehr wachsen.
Jedes zu groß werdende Phänomem erfordert Gegenpole um eine das Gesamtsystem stabilisierende Wirkung zu entfalten. Den genau das bedeutet Leben: Ausgewogene Unterschiede und die aus diesen resultierende Weiterentwicklung. Denn Leben in seiner reinsten Bedeutung ist gleichbedeutend mit stetem, unaufhörlichem Wandel.
Die meisten von uns fordern Toleranz, zumindest wenn es um die Anerkennung ihrer Meinung geht. Doch Toleranz setzt das Erkennen des Konstruktiven der Unterschiede voraus.
Wir sollten damit beginnen Unterschiede bewußt zu kultivieren. Denn das ist es, was Leben schafft.